Dulsberg Late Night

Als die Schulen plötzlich geschlossen waren, standen wir alleine im Gebäude. Schule ohne Schüler? Wie soll da das Schulmotto „be part“ gelebt werden?  Die ersten Tage Online-Unterricht offenbarten alsbald, was wirklich fehlte: Das „Zusammen“ – das zusammen lernen, das zusammen Pause haben, das zusammen Schule erleben.  Und so hockten wir in unserer Schulschließungs-Tristesse zusammen um uns über die ganze Corona-Traurigkeit auszutauschen. Kulturprojekte würden ausfallen, lang gebuchte KünstlerInnen abgesagt werden,  unsere Filmfabrik musste ausfallen. Aber das Schlimmste: Würde unsere Jahresabschluss-Show (Finish) stattfinden können? Da wird mit allen zusammen getanzt, geehrt, gelacht, gesungen – eben das (Schul)-Leben gefeiert.

Und nun? Eine Mischung aus alledem musste her. Ein bisschen Finish, Filmfabrik, Zusammenhalt, Kunstprojekt, Lachen und viel SchülerInnen-Beteiligung. Das war die Geburtsstunde der „Dulsberg Late Night“.  Die Show wurde zu unserem „digitalen Pausenhof“, wie wir die Sendung stets betitelten, der jeden Abend in die Wohnzimmer der Familien sendete. Ein Treffpunkt, der schon sehr schnell zum Treffpunkt der Schule wurde. Jeder durfte mit seinen Beiträgen dabei sein und niemand wollte Grüße verpassen. Kunstprojekte wurden doch noch verwirklicht.

So spielte die wundervolle Geigerin Ronja Sophie Putz ihr Konzert eben mitten in der Nacht  in der leeren Mensa und die DLN sendete diese berührenden Sequenzen.

Das Stadtteilbüro gründete kurzerhand eine „Late Night-Band“ und uns besuchten auch echte Prominente. Unvergessen bleibt sicher der Kurzauftritt von Johannes B. Kerner, der völlig überraschend die Show statt des Schulleiters anmoderierte und dann ebenso überraschend verschwand. Schule schaffte positive Momente in üblen Zeiten und wurde zum Anker für alle.

Das Format erlaubte ganz private Einsichten auch bei politischen Entscheidungsträger. So gaben mit dem Innensenator Andi Grote, dem Schulsenator Ties Rabe und dem Kultursenator Carsten Brosda Hamburger Politiker besondere Einblicke preis. Schulsenator Rabe erzählt gut gelaunt von seinem Hobby „Modelleisenbahnen“ und singt dann noch ein telefonisches Gratulationsständchen für eine Abiturientin.

Die großen Stars der Sendung blieben allerdings unsere SchülerInnen, die so hinreißend von ihrem neuen Alltag berichten und mit Beiträgen zwischen Tanzchallenge und Physik-Battle das Konzept von der ersten Minute ganz im Sinne von „be part“ trugen  Sie sind die Experten: Man leidet mit, wenn von geplatzten Olympiaträumen berichtet wird, man spürt die eigene Angst hockriechen, wenn die Furcht vor der ersten Zusammenkunft beim Corona-Abi geschildert wird und man möchte sich gleich mitverstecken wenn ein Fünftklässler und Schulleiter zusammen „Verstecken“ in der Kulisse spielen.

Die Show wurde durch ihre aktuellen Berichte ein echtes Zeitdokument der Krise. Man schaltete zu einer italienischen Kollegin nach Hause, war in Korea zu Gast und ließ sich den dänischen Weg erklären. Immer waren es Menschen, die der Schule nahe stehen – Eltern, LehrerInnen oder SchülerInnen, die ihre ganz eigenen Eindrücke schildern. Und so wird die Corona-Zeit von der Einsamkeit zum Fest des Zusammenhaltens:  Von den Tränen der ersten Folgen, über die neue Normalität bis zur zaghaften Lockerung der Maßnahmen erlebt man hautnah seine Schule.

Die DLN hat die Menschen an unserer Schule über die gesamte Zeit der Schließung bis zur Rückkehr der ersten SchülerInnen begleitet und gestärkt. Nicht nur die Schulgemeinschaft wurde zu Fans: Die erste Ausgabe sahen bislang über 30 000 Menschen. Ein Hoffnungsgeber in der Krise, ein Stück Normalität. Als der große Pianist Justus Frantz die letzten Töne der Late Night  einspielt und damit eine kleine Ära beendet, war klar:  Diese Corona-Zeit hat etwas ganz Großes und Starkes am Alten Teichweg geschaffen.

28 Folgen schufen ein unvergleichliches „be part“-Gefühl, das plötzlich viel größer gewachsen war, als im Alltag wachsen konnte. Plötzlich war nicht nur die Schule vom Motto erfasst. Die Familien waren ein Teil davon geworden und der Stadtteil.  Das Motto findet sich plötzlich überall: Unter Mails von SchülerInnen, Eltern und Externen. Es wird in dieser Zeit zum echten, zum wahren und unverrückbaren Schulmotto.

Mittlerweile gibt es einen „Best of“-Zusammenschnitt und natürlich soll das Projekt auch nach dem Lockdown auf ganz besondere Art fortgesetzt werden.  Innerhalb eines Schuljahres darf jede Klassenstufe on 1-13 eine eigene Folge einer „neuen Show“ drehen.

Den Start machten vor den Sommerferien die neunten Klassen mit einem fulminanten Werk. Die Zweitklässler legten im September nach.
Im November folgt der Jahrgang 11

Völlig überraschend gewann die Show im September 2020 die „Goldene Kamera“ und kurz danach den „Social Design Award“ des SPIEGELS

Über das Konzept sprechen unser Kulturagent Matthias Vogel und Schulleiter Björn Lengwenus in drei Werkstattgesprächen

Ausgangssituation, Zielsetzungen, Wirkungsvorstellungen

veränderte Lehrerrolle, Schule als Sehnsuchtsort, Sozialraum Schule

künstlerische Mitmachtaktionen im Homeschooling

zu Dulsberg Late Night auf Youtube:

Best of: https://youtu.be/iPcvY9dam2A